27/07/2023
"Narrisch wie die Gräfin Triangi" oder "angezogen bzw. ang'schmiert (stark geschminkt) wie die Gräfin Triangi" sind geflügelte Worte, die man von sehr betagten Wienerinnen und Wienern auch heute durchaus noch vernehmen kann.
Ich hörte sie gelegentlich von meiner Mutter (geb. 1931) und begab mich, neugierig geworden, auf Spurensuche der "Reichsgräfin Triangi".
Hier ihre bewegte und tragische Geschichte:
Beatrice Triangi, auch Beatrice Cita Albani Antonia Reichsgräfin Triangi, von und zu Latsch und Maderburg, Baronin von Mademo Riedhorst, Freifrau von Tyrol, Trientiner Edeldame, Kurzform “Reichsgräfin Triangi”, geboren im Mai 1868 als Antonia Beatrice Samek in Brünn als Tochter eines jüdischen Seidenfabrikanten.
In erster Ehe heiratete Beatrice Samek in Brünn den Fabrikanten Richard Rindskopf und trat zum Katholizismus über. Dieser Ehe entsprang eine Tochter, 1893 erfolgte die Scheidung.
1894 lebte sie in Paris, kam aber noch im selben Jahr nach Wien.
1896 änderte sie ihren Namen von "Rindskopf" auf "Riedhorst".
1897 heiratete sie den aus Widin in Bulgarien stammenden Kaufmann Ivan S. Dragulow. Er war serbisch-orthodox und zu diesem Glauben trat auch Beatrice Antoinette Riedhorst über.
1899 wurde auch diese Ehe wieder geschieden.
1903 heiratete sie Albano Hugo Josef Graf Triangi. Graf Triangi war evangelisch und so trat auch Beatrice zu diesem Glauben über. Beatrice, verheiratete Gräfin Triangi, war nun dem Adel zugehörig. Am 5. April 1926 starb ihr Mann und sie lebte fortan alleine unter dem Namen “Reichgräfin Triangi”.
In den ersten Jahren ging Beatrice Triangi wohl durchaus den üblichen Beschäftigungen von Damen der gehobenen Gesellschaft nach. Man traf sie täglich am Graben und ebenso beim Ringstraßenkorso wurde sie regelmäßig gesehen. Auch im Hotel Bristol, ein seinerzeit beliebter Treffpunkt der Aristokratie, traf man Beatrice Triangi häufig. Dass Gräfin Triangi von den Aristokraten in deren erlauchten Kreis aufgenommen wurde, ist allerdings zu bezweifeln.
Ab 1923 häufen sich dann die Zeitungsberichte über Gerichtsverhandlungen der Gräfin Triangi. Der Dichter Artur Salekyew Bratic klagte die Gräfin Triangi auf Ehrenbeleidigung.
Der Dichter hatte ein Spottgedicht vorgetragen, woraufhin die Gräfin ihn beschuldigt hatte, in Agram zehn Jahre im Gefängnis gesessen zu sein. Derlei Gerichtsverhandlungen warfen ein bezeichnendes Licht auf ihre Skurrilität. Und das war erst der Anfang. Schon wenige Monate später kam es zu weiteren Gerichtsverhandlungen. Reichsgräfin Triangi erschien dort immer sehr pompös mit Blumenschmuck und führte wohl ein einzigartiges Schauspiel auf. Bei diesen Verhandlungen amüsierten sich die Besucher, die immer so zahlreich erschienen, dass der Gerichtssaal überfüllt war, köstlich und lautstark. Die Gräfin unterhielt ihr Publikum hier ebenso wie bei ihren Auftritten als Sängerin, Tänzerin und Flötistin. Obwohl nicht mehr genau zu eruieren ist, wann die Gräfin ihre Tätigkeit als Künstlerin aufnahm, so weiß man heute, dass sie in vielen Kabaretts, Vergnügungsetablissements, Kinos und Gasthäusern Wiens auftrat. Sie war bei ihren Auftritten stets phantastisch kostümiert und auch immer sehr freizügig. Sie trug Gedichte und Lieder vor, oft vom Klavier begleitet und tanzte ihren Lieblingstanz, eine Eigenkreation namens “Wollust”. Sie behauptete auch, sich tausend Male um die eigene Achse drehen zu können. Dabei drehte sie sich einmal langsam um die eigene Achse und sagte danach strahlend: “tausend Mal”.
Auch Flöte spielte sie liebend gerne, sie bezeichnete sich ja auch als “Die größte Flötistin des Jahrhunderts”, wobei man ihr nachsagte, dass sie gerade einmal ein Stück zum besten geben konnte und nicht mal das bis ganz zum Ende.
Renommierte Vergnügungslokale wie das Kabarett Leopoldi-Wiesenthal in der Inneren Stadt, der Maria-Theresiensaal in Weigl´s Dreherpark in Meidling oder das Varieté Westend in Hernals boten der Gräfin Triangi Gelegenheit für ihre Auftritte. Zeitzeugen berichteten, dass die Künstlerin kaum alle Töne richtig traf und auch oft das Publikum wüst beschimpfte. Es kam sogar manchmal zu Handgreiflichkeiten. Die Eintrittspreise kassierte die Gräfin stets selbst bei der Saaltüre ab und es schien, als könne sie davon ein recht gutes Leben führen.
Zitat aus "ring-rund" vom 15. Mai 1956:
"De Leut´ merken´s gar net, daß sie selber die Gepflanzten san! I´sag` Ihna nur des ane, de is´ g´scheiter, wie mir alle miteinander!“ Und wie zur Illustration dieses Urteils rauschte jetzt „ihre Durchlaucht“ hoheitsvoll vorbei und drückte dabei ihre Handtasche zärtlich an sich. Diese war prall gefüllt mit den Eintrittsgeldern derer, die sie, eben noch bedauernd, als „narrische Gräfin“ belächelt hatten.” Die Reichsgräfin Triangi wurde jedoch mit ihren kuriosen und exzentrischen Auftritten und Gerichtsverhandlungen immer mehr zum Gespött der Wiener Bevölkerung. Prominente und andere Künstler machten sich in diversen Stücken über die Gräfin lustig. Auch im damaligen Kabarettprogramm von Karl Farkas und Fritz Grünbaum wurde sie öfters spöttisch erwähnt. Ebenso besuchte Katharina Schratt eine ihrer Vorführungen und soll danach folgende Worte gesagt haben: „Die arme Frau“, sagte sie, „man sollte sie in eine Anstalt bringen und nicht zum Gespött machen. Was ist aus unserem Wien geworden? Der Krieg scheint wirklich die Wiener verändert zu haben, früher wäre eine solche Herzlosigkeit bei uns unmöglich gewesen.“In den 1930er-Jahren sorgte Reichsgräfin Triangi wieder mit einigen legendären Gerichtsverhandlungen für Aufsehen. Die Anlässe waren oft trivial, wie zum Beispiel ein Zusammenstoß mit anderen Hausparteien oder ein Auftritt in einem Postamt im 3. Bezirk, bei dem sie nach Ablehnung der Postbeamten in wüste Schimpforgien verfiel. Bei diesen Verhandlungen kam es erstmals zum Antrag auf Psychiatrisierung, dem auch stattgegeben wurde.
1933 kam es schließlich zum legendären Gerichtsfall zwischen Reichsgräfin Triangi und dem “Goldfüllfederkönig” Ernst Winkler. Gräfin Triangi wurde vom Tatbestand der Ehrenbeleidigung freigesprochen, und sie zog ihre Klage danach zurück. Nur wenige Monate später klagte sie abermals den “Goldfüllfederkönig” wegen Ehrenbeleidigung. Zu jener Zeit begannen auch viele Zeitungsblätter mit antisemitischen Äußerungen gegenüber Triangi. Auch deswegen begann sie sämtliche Zeitungen zu verklagen. In ihren letzten Jahren wurden die Anpöbelungen gegenüber der Reichsgräfin Triangi immer schlimmer und immer öfter traten rassistische Motive in den Vordergrund. So wurde sie bei einer Veranstaltung in Nussdorf beim Heurigen Rudolf Schier aufgefordert, ihren Auftritt abzubrechen und als “dreckige Saujüdin” beschimpft. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Jahre 1938 ersuchte sie bei der Reichskulturkammer um Schutz bei ihren Auftritten an. Dieser Antrag wurde allerdings abgelehnt. Die Zeitung “Der Stürmer” verfasste einige Hetzartikel über die Reichsgräfin und im Jahre 1939 erhielt Beatrice Triangi erstmals Besuch von der Gestapo. Es wurden Fingerabdrücke gemacht und Fotografien angefertigt. 1940 landete sie erstmals in einem Gefangenenhaus. Am 23. April 1940 wurde die Reichsgräfin schwer krank und vollkommen verwirrt in ihrer
Wohnung aufgefunden. Sie wurde in das Rothschildspital gebracht, man nahm sie aber wegen Verdacht auf Geistesstörung nicht auf. Von dort wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof eingeliefert, wo man die Diagnose „senile Manie und Psychopathie“ stellte.
Bei der Untersuchung erzählte sie, dass sie zehn Jahre Medizin studiert habe, Bildhauerin und Malerin sei.
Sie starb am 28. April 1940.
Quellen:
https://dernostalgiker.at/
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Beatrix_Triangi