18/03/2026
Das leuchtende Rechteck in der dunklen Fassade ist wie eine Bühne, auf der er allabendlich seinen Platz einnimmt, während ich von unten zu ihm aufsehe. Seit zwei Jahren führen wir nun schon diese lautlose Korrespondenz, eine Beziehung, die gänzlich ohne die Schwere von Worten auskommt und genau deshalb so unerschütterlich ist. Es ist eine stille Übereinkunft, ein ungeschriebenes Gesetz zwischen zwei Fremden in der Anonymität der Stadt: Wir haben uns darauf geeinigt, uns einfach nur zuzuwinken, wenn wir uns beim Rauchen am Fenster gegenüberstehen. Dieses kurze Handzeichen durch die Dunkelheit besitzt eine Beständigkeit, die tiefer geht als jeder Smalltalk, den wir jemals hätten führen können.
Er weiß nicht, dass ich diesen Moment mit der Kamera festgehalten habe, so wie er auch sonst vieles nicht weiß – und doch weiß er durch seinen Blickwinkel von oben vermutlich mehr über mein Leben, meinen Alltag und meine Routinen, als ich jemals über ihn erfahren werde. Es ist eine seltsame Asymmetrie, eine Einseitigkeit des Wissens, die mich jedoch nicht beunruhigt. Im Gegenteil: Ich vertraue ihm. Es ist ein blindes, instinktives Vertrauen, das darauf basiert, dass wir beide den Wert dieser Distanz verstehen. Wir kennen weder die Klangfarbe unserer Stimmen noch die Sorgen, die uns nachts wachhalten, und genau darin liegt die Freiheit. In einer Welt, die ständig nach Erklärungen, Biografien und Transparenz verlangt, ist unser Schweigen fast schon revolutionär.
Wir lassen einander den Raum, einfach nur zu sein, ohne die Erwartung, etwas voneinander wissen zu müssen. Dieses Winken ist ein Akt der reinen Anerkennung der Existenz des anderen, ohne die Last einer sozialen Verpflichtung. In diesem Ritual spiegelt sich eine tiefe Verlässlichkeit ohne Zwang wider – das Versprechen, dass wir beide da sind, jeder in seiner Welt, und doch für diesen einen Augenblick verbunden. Es ist die Poesie der Distanz, die beweist, dass menschliche Verbundenheit keine gemeinsame Geschichte braucht, um Bedeutung zu haben. Wir bewahren uns die Magie des Unbekannten und schützen diesen kleinen, heiligen Raum vor der Banalität des Alltags. Es ist und respektvoll!